Das Ritual der Mevlevi

UNESCOLOGO

DAS ENSEMBLE:

Kanun: Mehmet İhsan Özer
Ud: Mehmet C. Yeşilçay
Tanbur: Hakan Talu
Ney: Volkan Yilmaz und Hakan Alvan
Kemençe: Hasan Esen
Basskemençe: Günay Uysal
Kudüm: Ozan Pars
Halile (Becken)
Sängerensemble
Semazen (Tänzer)

in der großen Besetzung ca. 25 Mitwirkende

Das Ensemble für historische Musik des Türkischen Kultusministeriums, hat in den letzten 10 Jahren mit mehr als 200 Aufführungen weltweit ihre Kompetenz und Legitimation in Ausführung des Mevlevi Semas in Beweis gestellt. Dieses Ensemble hat nicht nur die musikalische sondern auch die philosophische und metaphysische Referenz das Sema in seiner ureigenen Form ohne Abweichungen vom Ritus aufzuführen.

programm

Uşşak Ayin

Komponist: Nayî Osman Dede (?-1729)

Ferahfeza Ayin

Komponist: Hammâmîzâde İsmaîl Dede Efendi (1778-1845)

Suzidilara Ayin

Komponist: Sultan III. Selîm Han(1761-1808)

Acemasiran Ayin

Komponist: Hüseyin Fahreddin Dede (1854-1911)

Ausser den oben aufgezählten Sema, hat das Ensemble weitere Werke im Repertoire

 

Zum Sema:

Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass die grundlegende Voraussetzung für unsere Existenz eine Drehbewegung ist. Es gibt kein Wesen oder Objekt, das sich nicht dreht, denn alle Wesen bestehen aus Atomen mit kreisenden Elektronen, Protonen und Neutronen. Alles kreist, und der Mensch lebt dank der Teilchenbewegung, dem Blutkreislauf und den Lebenszyklen mit dem Erscheinen aus der Erde und dem Wiederkehren zur Erde.

Nun, alle diese Bewegungen sind natürlich und unbewusst. Doch der Mensch besitzt Bewusstsein und Intelligenz, was ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Somit nimmt der Drehende Derwisch oder Semazen absichtlich und bewusst an den Bewegungen teil, denen alle Lebewesen unterworfen sind.

Entgegen der üblichen Meinung ist es nicht das Ziel des Semazen, in eine Ekstase zu verfallen. Vielmehr dreht er in Harmonie mit der Natur, mit den kleinsten Zellen und den Sternen am Himmelsgewölbe, und ist damit Zeuge für die Majestät und Existenz des Schöpfers; er denkt an IHN, gibt IHM allen Dank und betet zu IHM. In diesem Tun bestätigt der Semazen das Wort des Korans: „Was im Himmel und auf Erden ist, preist den Einen Gott“ (64:1).

Eine wichtige Eigenart dieses siebenhundert Jahre alten Rituals ist das Zusammenführen der drei fundamentalen Komponenten der menschlichen Natur, nämlich dem Verstand (durch Wissen und Gedanken), dem Herzen (durch den Gefühlsausdruck, Poesie und Musik) und dem Körper (durch das Anspornen des Lebens und dem Drehen). Diese drei Elemente werden zusammengeschweisst – sowohl theoretisch wie praktisch – wie es wohl in keinem anderen Ritual oder Gedankensystem praktiziert wird.

Die Zeremonie des Semâ stellt den spirituellen Weg des Menschen dar: das geistige Wachsen mittels Intelligenz und Liebe bis zur Vollkommenheit (al-Kâmil). Im Drehen der Wahrheit entgegen wächst er durch Liebe, übersteigt (transzendiert) das Ego, trifft auf die Wahrheit und erlangt Vollkommenheit.

Dann kehrt er zurück von seiner spirituellen Wanderung, befähigt zu lieben und dieser Schöpfung mit allen Geschöpfen zu dienen, ohne Unterscheidung von Glaube, Klasse oder Rasse.Im Ritual des Semâ symbolisiert der Hut aus Kamelhaar (Sikke) den Grabstein des Ego; der weite weisse Rock repräsentiert das Leichentuch des Ego. Durch das Ablegen des schwarzen Umhanges wird er in der Wahrheit wiedergeboren.

Zu Beginn des Semâ, durch das Kreuzen der Arme, erscheint der Semazen in der Bedeutung der Zahl Eins, im Zeugnis an Gottes Einheit. Während dem Drehen sind seine Arme geöffnet: der rechte Arm erhebt sich in Richtung Himmel in der Bereitschaft, Gottes Wohltätigkeit zu empfangen; die linke Hand, auf die des Drehenden Blick sich richtet, wendet sich der Erde zu: der Semazen übergibt Gottes Geschenke jenen, die dem Semâ beiwohnen.

Im Drehen von rechts nach links ums Herz herum umarmt der Semazen in Liebe die gesamte Menschheit. Der Mensch wurde in Liebe erschaffen, um zu lieben. Mevlânâ Celâleddin Rumi sagt: „Alle Liebe ist eine Brücke zur göttlichen Liebe. Doch wer nie einen Geschmack davon hatte, weiss es nicht.“

Das Ritual des Semâ besteht aus unterschiedlichen Teilen mit verschiedenen Bedeutungen:

DAS NAAT

Das Naat-i Scherif ist eine Lobpreisung an den Propheten, der die Liebe repräsentiert. Ihn zu preisen ist Gott zu preisen, der ihn erschuf, sowie gleichfalls alle Propheten, die ihm vorausgingen. Dieser Lobpreisung folgt ein Trommelschlag auf einer Kudum, der den göttlichen Befehl „Sei“ (Kun) symbolisiert. Darauf folgt eine Improvisation (Taksim) auf der Rohrflöte (Ney). Sie drückt den göttlichen Atem aus, der allem das Leben gibt.

NEY (Rohrflöte) IMPROVISATION

Darauf folgt eine Improvisation (Taksim) auf der Rohrflöte (Ney). Sie drückt den göttlichen Atem aus, der allem das Leben gibt.

PESHREV

Nach dem Ney Taksim (Improvisation) wird eine instrumental Kompostion Peshrev genannt gespielt; diese ist im Rhytmus von 28/4 Devri Kebir komponiert. Mit dem ersten Schlag der Trommel schlagen die Semazen (Tänzer) und der Shaikh mit den Händen auf den Boden um den ersten Befehl des Schöpfers „SEI“ zu symbolisieren. Es steht ebenso als Symbol für die Auferstehung der Menschen am Jüngsten Tag.

SULTAN VELED ZIRKEL

Der Gang des Sultan Veled, begleitet durch die Preschev-Musik, ist eine dreimalig im Kreis gehende Prozession. Das gegenseitige Verbeugen der Semazen während der Prozession ist die Begrüssung von Seele zu Seele, welche hinter Form und Körper verborgen sind.

SELAM – BEGRÜSSUNG DES FRIEDENS

Das Drehritual selbst ist in vier Selâms (Begrüssungen) oder Sätzen unterteilt, je mit unterschiedlichem Rhythmus. Immer zu Beginn und am Ende eines Salâms bezeugt der Semazen Gottes Einheit.

DAS ERSTE SELAM

Das erste Selâm repräsentiert das Geboren werden des menschlichen Wesens in die Wahrheit mittels Gefühl und Verstand. Das vollständige Akzeptieren der Bedingungen als von Gott erschaffenem Wesen wird hier gelebt.

DAS ZWEITE SELAM

Das zweite Selâm drückt das Entzücken des Menschen aus im Sehen der Herrlichkeit der Schöpfung in Anbetracht von Gottes Grösse und Allmacht.

DAS DRITTE SELAM

Das dritte Selâm ist das entzückende Auflösen in der Liebe und das Opfern des Verstandes für die Liebe. Es ist vollständige Hingabe, Einheit, Entwerden des Selbst im Geliebten. Es ist der Zustand, der im Buddhismus als Nirvana und im Islam als Fana fi-Allah bekannt ist. Gemäss islamischem Glauben ist das nachfolgende Stadium der Status der Dienerschaft, repräsentiert durch den Propheten, der Gottes Diener oder vor und nach zeitlich Sein „Botschafter“ genannt wird. Das Ziel des Semâ ist nicht eine ununterbrochene Ekstase, sondern die Verwirklichung der Hingabe an Gott.

DAS VIERTE SELAM

So wie der Prophet zum spirituellen „Thron“ aufstieg, um anschliessend wieder zurück zu seinen Aufgaben auf Erden zu kommen, kehrt der Drehende Derwisch, nachdem er seine spirituelle Reise verrichtet hat, im vierten Selâm als Dienender zurück zu seinen Aufgaben. Er ist ein Diener Gottes, Seiner Bücher, Seiner Propheten, Seiner Schöpfung …

Sure Baqara 2:285 des Koran drückt dies aus:

„Der Gesandte glaubt an das, was von seinem Herrn zu ihm herabgesandt worden ist, und mit ihm die Gläubigen.Alle glauben an Gott, Seine Engel, Seine Schriften und Seine Gesandten – wobei Wir bei keinem von Seinen Gesandten (den anderen gegenüber) einen Unterschied machen. Und sie (die Gläubigen) sagen: Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, Herr! Bei Dir wird es enden.“

Am Ende dieser „Begrüssung“ untermauert der Semazen das Eins-sein in Gott durch eine bewusste demütige Haltung mit gekreuzten Armen.

Der Grund für Rumis Berühmtheit ist, dass er die Fähigkeit besaß, diese Lehre in einer Poesie von unübertrefflicher Schönheit wiederzugeben. Er beschrieb mit derselben Eloquenz die Freude, Gott näher zu kommen, wie die Trauer, von Gott getrennt sein zu müssen. Wie auch andere mystische Dichter bezeichnete er Gott als den Geliebten und die menschliche Seele, die auf der Suche nach Gott ist, als den Liebenden.

KUR’AN-I KERIM

Anschliessend folgt eine Rezitation des Korans, insbesondere auch des Verses „Gott gehört der Osten und der Westen. Wohin ihr euch wenden möget, da habt ihr Gottes Antlitz vor euch. Er umfasst alles und Er ist der All-Wissende.“ (Sure Baqara 1:115). Die Zeremonie endet mit einem Gebet für den Frieden der Seelen aller Propheten und Gläubigen. Am Ende des Semâ kehren alle Derwische in Stille zurück zu ihren Räumen, um sich der Meditation hinzugeben.

Dr. Celâleddin Çelebi
21. Urgrossenkel von Mevlânâ Celâleddin Rumi
(Übersetzung Peter Hüseyin Cunz)
mevlana jelaleddin rumi(1207-1273)

Die Botschaft

Die Lehre Rumis basierte darauf, dass er die Liebe als die Hauptkraft des Universums ansah. Genauer gesagt ist das Universum ein Harmonisches Ganzes, in dem jeder Teil mit allen anderen in einer Liebes-Beziehung steht, die wiederum einzig und allein auf Gott gerichtet ist und nur durch seine Liebe überhaupt Bestand haben kann.

Der Mensch, der als ein Teil dieses harmonischen Ganzen geschaffen ist, kann die Harmonie mit sich selber und dem Universum nur dann erreichen, wenn er lernt, Gott zu lieben. Seine Liebe zu Gott wird ihn dann dazu befähigen, nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch alle Dinge, die von Gott geschaffen sind, lieben zu können.

Gott durch Liebe näher zu kommen ist für al-Rumi, genau wie für die meisten Sufis, der Weg zur wahren Erfüllung im Leben.

Der Grund für Rumis Berühmtheit ist, dass er die Fähigkeit besaß, diese Lehre in einer Poesie von unübertrefflicher Schönheit wiederzugeben. Er beschrieb mit derselben Eloquenz die Freude, Gott näher zu kommen, wie die Trauer, von Gott getrennt sein zu müssen. Wie auch andere mystische Dichter bezeichnete er Gott als den Geliebten und die menschliche Seele, die auf der Suche nach Gott ist, als den Liebenden.

Sag nicht zu Gott, ich habe mächtige Probleme,
sag deinen Problemen, ich habe einen mächtigen Gott.(Rumi)