LIEDER AUS DER FREMDE. 28. Mai 2017

„Heimat ist unerlässlich, aber sie ist nicht an
Ländereien gebunden. Heimat ist der Mensch,
dessen Wesen wir vernehmen und erreichen.“

Diesen Gedanken von Max Frisch setzt die Staatsphilharmonie in Taten um. Sie geht auf Menschen zu, die bei uns Zuflucht und vielleicht auch eine neue Heimat suchen, heißt sie willkommen und ermöglicht Raum für kulturelle Begegnungen, die ebenso Begegnungen der Kulturen sind.
In der Konsequenz erwuchs daraus der Gedanke, die Anliegen zu verknüpfen, sprich: mittels eines Musikprojekts bei Jugendlichen Verständnis und Empathie für die Asylsuchenden zu wecken. Für dieses Vorhaben konnten die Schauspielerin Anja Kleinhans sowie der Musiker und Komponist Mehmet Cemal Yeşilçay gewonnen werden. Kleinhans betreibt ein kleines, hoch professionelles Theater in Freinsheim und ist erfahren im Entwickeln von Stücken. Zudem engagiert sie sich in ihrer Gemeinde für die Flüchtlingshilfe – eine Arbeit, die zur Reflektion führt: „Wie großherzig bin ich wirklich, welche inneren und äußeren Grenzen ziehe ich aus Vernunft, welche aus Ängsten?“ Yeşilçay kann als ein in Deutschland lebender türkischer Moslem seine eigenen Erfahrungen mit (In)Toleranz, mit Zurückweisung und Zuwendung einbringen. Der Wunsch, durch Musik Gräben zu überwinden, leitet seine Arbeit. 2012 gewann er den ECHO Klassik in der Sparte „Klassik ohne Grenzen“. Im Januar 2015 nahm er mit seinem Ensemble Pera am Projekt „Music For One God“ teil, in dem Musiker verschiedenster Herkunft und Religion sakrale Kompositionen von Muslimen, Christen und Juden aufführten.

Mehmet C. Yeşilçay-Oud, Serkan Mesut Halili-Kanun, Volkan Yılmaz-Ney, Derya Turkan-Kemençe, Yaman Hadi-Perkussion, Ozan Pars-Perkussion. Mitglieder der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Christian Reif-Drigent

 

  • Date28. Mai 2016
  • Time19.30
  • AddressLudwigshafen, Philharmonie

„Lieder aus der Fremde“ spielt im Jahr 2049. Eine Frau erzählt von ihrem Leben: Als 4-Jährige muss sie 2015 aus ihrer Heimat Syrien fliehen. Viele Jahre dauert es, bis sie sich in dem fremden Land, in der fremden Kultur heimisch fühlt. Unmenschlichkeit und Ablehnung begegnen ihr, die Behörden machen es ihr schwer. Erst nach 22 Jahren erhält sie ihren deutschen Pass. Yeşilçay Kompositionen, die das Dargestellte musikalisch akzentuieren, verbinden Orient und Okzident, bauen Brücken. Und dies, der Bedeutung des „Themas“ gerecht werdend, mit sinfonischer Musik, gespielt von Mitgliedern der Staatsphilharmonie und dem Pera-Ensemble, benannt nach dem Istanbuler Stadtteil, der seit rund 2000 Jahren Schmelztigel der Religionen und Kulturen ist, was das Ensemble widerspiegelt. Es ist ein paar Monate her, dass die Idee zu „Lieder aus der Fremde“ aufkam. Seitdem uns immer mehr Flüchtlinge erreichen, scheint der Politik die Brisanz endlich bewusst geworden zu sein. Das spricht für die Aktualität des Projektes, mag aber auch zu Akzentverschiebungen, anderen Tönen in dem Stück, das noch im Entstehen ist, führen. Yeşilçay verwundert die stetig steigende Zahl an Asylsuchenden nicht. „Ich bin ja sehr oft in der Türkei, da habe ich in den letzten zwei Jahren verfolgen können, wie diese Krise eskaliert.“ Doch beunruhigt ihn, was in Europa passiert: „Ich denke, dass dies auch in meiner Musik zu hören sein wird.“ Die rasante Entwicklung rund um das Flüchtlingsthema verändere, so Kleinhans, auch ihre Gedanken zum Stück. „Es kommen ständig neue Aspekte hinzu, die die Welt der Stückfigur in mir erweitern und mich gleichzeitig zur Reduktion aufs Wesentliche zwingen, auch damit der Text durch die Komplexität und Schwere des realen Themas im Kunstwerk klar bleibt und niemanden erschlägt. Und es stellt sich bereits jetzt heraus, dass dieses Kulturprojekt zum Flüchtlingsthema ein Anti-Kriegsstück, nein – ein Pro-Friedensstück, ein weiteres, bitter notwendiges Friedensstück werden muss.“
Text: Carola Henke