Turquerien und Alla Turca

1389 Schlacht von Kosovo begegneten sich zum ersten Mal das Osmanische Heer und die Europäischen Nationen der Zeit in einer militärischen Konfrontation. Das ist der Anfang von zahlreichen kriegerischen Begegnungen zwischen Orient und Okzident in den kommenden Jahrhunderten. Die osmanischen Expansionsträume Richtung Westen mit der mehrfachen Belagerung von Wien endete abrupt nach der letzen Wienbelagerung von 1683, wo die Osmanen durch die heilige Allianz der Europäer zurückgeschlagen wurden.

Jedoch hatten schon die Kreuzfahrer im 11. Jahrhundert gegen die seldschukischen Türken gekämpft und Jerusalem an diese verloren. Alle folgenden Kreuzzüge waren durch Kriege gegen Türken im Gedächtnis der Europäischen Völker. Dies hatte zu Folge, dass das Türkenbild durch Stereotypen dominiert war, welche den Akzent wegen den Türkenkriegen auf die Grausamkeiten legten.

Die Rezeption der Eroberung Otrantos ist ein Beispiel für diesen Ausdruck der Türkenfurcht. Doch nachdem besonders Venedig sich nach dem ersten grossen Krieg gegen die Osmanen ein positiveres Verhältnis zum Konkurrenten aus dem Osten schaffen wollte und Künstler zum Sultan sandte, änderte sich das Türkenbild in der Kunst nachhaltig. Unrealistische Stereotypen wurden ersetzt, allerdings zunächst nur durch neutralere, realistische, da man immer auf die gleichen Bilder zurückgriff. Ein rein positives Bild eröffnete sich auch dadurch nicht. Der kriegerische Aspekt der Osmanen scheint im Vordergrund geblieben zu sein. Gleichzeitig nahm man aber gerade auch noch unter anderen Aspekten wahr und zeigte einiges Interesse an dem Anderssein. Oft genug konnte der „Türke“ geradezu zum Vorbild für alte und neue Tugenden werden. Türkische Motive fanden bereits im 15. und 16. Jahrhundert Eingang nach Europa. Das entsprach der Neugierde der Zeit für die exotische Kultur, die ja bis ins 19. Jahrhundert hinein unmittelbarer Nachbar europäischer Großmächte war.

Im 16. Jahrhundert hatte sich zwischen Frankreich und dem Osmanischen Reich eine politische Freundschaft entwickelt. François I. war der schärfste Widersacher Kaiser Karls V. um die Vormachtstellung in Europa. Im ersten Krieg gegen Karl geriet François in Karls Gefangenschaft. Süleyman der Prächtige hatte den französischen König François I. aus der Gefangenschaft Karl des V. freibekommen. So hatte François eine Gesandtschaft an die Hohe Pforte in Konstantinopel geschickt aber der Gegenbesuch ließ mehr als 150 Jahre auf sich warten. Der Gesandte Süleyman Aga wurde von Ludwig in Versailles empfangen, wobei das Treffen in einem diplomatischen Eklat endete.

Als man Süleyman Aga nachher befragte, welchen Eindruck der französische König auf ihn gemacht habe, erwiderte er, „das Pferd seines Herrn sei weit reicher geschmückt, wenn dieser sich zum Freitagsgebet begebe.“ Das übertriebene Aufgebot des Königs machte er damit öffentlich lächerlich. Ludwig beauftragte Molière ein Stück zu schreiben, welches die Türken lächerlich darstellen sollte, Lully komponierte eigens auf Wunsch von Ludwig dem 14. die Ballettkomödie Le Bougeois gentilhomme zu dem Ludwig in orientalischen Gewändern tanzte. Und in der Tat sind die „cérémonie turque” und das „Ballet des Nations” die ersten Rezeptionen türkischer Musik in der Opernliteratur.

Einen Höhepunkt erreichte die Türkenmode im 18. Jahrhundert: Osmanische Gesandtschaften trafen in Paris, Wien und Berlin ein. Deren prunkvolle Empfänge nährten die Ideen eines verschwenderisch reichen Märchenlandes.

Türkenmode ist nicht mehr in dem Stil wie zur Zeit der blutigen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich ein Mittel zur Verarbeitung der kollektiven Ängste. Mehr und mehr wird La Turquerie zur Zeitmode und gibt außer einem Anlass zur Kostümierung auf höfischen Festen auch eine willkommene Gelegenheit, sich in die private Sphäre zurückzuziehen.

Die Höfe legten sich selbst Janitscharenkapellen zu, machten Musik nach türkischem Stil und mit türkischen Motiven – und verkleideten sich im türkischen Stil. August der Starke feierte in Dresden die Hochzeit seines Sohnes 1719 nach türkischem Stil. Eine türkische Hochzeit mit Opernuraufführungen, Balletten und Jagdgesellschaften. Ganz Europa war hier. Die Crème de la Crème der Musik, wie der Sänger Senesino und die Primadonna Faustina sangen zur Musik der Komponisten wie Hasse, Lotti, Weiß, Heinichen und Quanz, die für dieses Spektakel neue Musik komponierten. Auch die großen Meister, wie Porpora und Händel waren anwesend.

Zu Ehren von Maria Josepha inszenierte August sogar ein ganzes “Türkisches Fest”. Hierfür hatte er nicht nur ein weiteres Türkisches Palais herrichten lassen, sondern rüstete ganze Infanteriebataillone zu Janitscharengarden um. Die sächsischen Rekruten mussten sich einen “moustache à la Turque” stehen lassen und wurden mit türkischen Dolchen und Flinten bewaffnet. Offenbar kannte das osmanische Fieber kaum Grenzen, so soll sich August auch selbst als Sultan verkleidet haben – in Bewunderung für die, aus europäischer Sicht vermutete, Allmacht und Militärgewalt des Herrschers am Bosporus.

So manchen Säbel mögen die falschen sächsischen Janitscharen zur Fürstenhochzeit 1719 geschwungen haben. Zu den absoluten Höhepunkten der Türcken Cammer in Dresden gehören jedoch zwei osmanische Staatszelte. Unter deren reich bestickten Stoffbahnen wandeln die Besucher wie einst August der Starke. Schon seine Vorväter hatten Waffen und Helme, Sättel und Brustpanzer aus dem Orient gesammelt, doch erst unter seiner Regentschaft erreichte die Türkenmode ihren absoluten Höhepunkt. Während vor dem 18. Jahrhundert viele Stücke der Kammer als Beute aus den Türkenkriegen oder Diplomatengeschenke nach Dresden gelangten, schickte August 1713 seinen treuen Kammerdiener Johann Georg Spiegel mit einer Einkaufsliste nach Konstantinopel. Diese Kostüme, Waffen und orientalische Utensilien fanden auch Einsatz in den zahlreichen Türkenopern.

Neben Gewändern, Waffen, Teppichen und Zelten findet sich auf ihr auch der Wunsch nach lebendem exotischen Personal wie Sklaven und Eunuchen. So unterhielt der galante August bereits zehn Jahre zuvor eine Liaison mit einer türkischen Gesellschafterin namens Fatima.

Fatima schenkte ihm zwei Kinder und wurde dann passenderweise später mit Diener Spiegel vermählt. Der fürstliche Frauenheld arbeitete indessen weiter an der sächsischen Version eines Serails: Auch mit seinen ungezählten Mätressen und Geliebten sah er sich in der Tradition von östlichen Haremsherren.

Musik

Der Einfluss der türkisch-osmanischen auf die westliche Musik besteht vor allem in der Übernahme von Perkussionsinstrumenten (Triangel, Schellenbaum, Becken, große Trommel), die im osmanischen Heer eine durchaus abschreckende Funktion auf den Gegner haben sollten. Dieses militärisch-kriegerische „Lärmen“ ging dann als Musik „alle turca“ in die westlichen Kompositionen ein.

1753 schrieb Johann Adolf Hasse seine Oper „Solimano II“, 1761 folgt Paul-César Giberts „Soliman second ou Les Trois Sultanes“, 1768 wird in Lissabon David Perez’ Oper „Solimano“ und 1770 in Kopenhagen Guiseppe Sartis „Soliman den anderen“ uraufgeführt.

1782 schließlich bringt Mozart sein Singspiel „Die Entführung aus dem Serail” auf die Bühne. Schauplatz des Geschehens ist ein Landhaus in der Türkei, Hauptpersonen sind neben drei als Sklaven gefangenen Europäern und einem vierten, der zu ihrer Befreiung naht, der Besitzer des Landhauses, Bassa Selim, und sein Diener Osmin, der außerdem Herr der europäischen Sklavin Blonde ist.

Mozart greift in seinem Stück die gängigen Türkenklischees seines Jahrhunderts auf: Osmin ist der tölpelhafte, blutrünstige und übertrieben bramarbasierende Türke, der schon allein durch seine großspurigen Worte („Erst geköpft, dann gefangen, dann gespießt auf lange Stangen”) dazu herausfordert, dass man ihn überlistet. Dennoch erliegt er nicht der List der Europäer, sondern muss vor der Weisheit seines Herrn, der nicht umsonst Selim (= Salomo) heißt, weichen. Beide repräsentieren die Abwehrmechanismen Europas gegenüber dem überlegenen Feind früherer Zeiten: Weder war ein dummer, plumper Türke wirklich noch ein Feind, noch einer, dessen Weisheit man unumschränkt anerkennen wollte (“Wer so viel Huld vergessen kann, den seh’ man mit Verachtung an”).

Es folgen 1789 Joseph Martin Kraus in Stockholm mit „Soliman II eller De tre sultaninnora“ und 1799 Franz Xaver Süssmayrs in Wien mit seiner Oper „Soliman der Zweite oder Die drei Sultaninnen“. Beide beruhen auf der Erzählung „Soliman II“ aus den „Contes moraux“ von Jean-Francois Marmontel (1761).

Projektbeschreibung

Die Türkenoper ist ein Genre, das aus dem spätbarocken und klassischen Musikschaffen nicht  weg zu denken ist. Doch die europäische Version vom Leben am Sultanshof pendelt stets zwischen der Darstellung machtgieriger, blutrünstiger Herrscher und der schwül-erotischen Atmosphäre des Harems. Es ist also nicht nur an der Zeit, das Genre neu zu definieren, sondern die Welt des Serail einmal so zu zeigen, wie sie wirklich war. In verschiedenen Opernszenen, die nach dem Prinzip des barocken Pasticcio konzipiert sind, nimmt das Pera Ensemble das Publikum mit auf eine faszinierende Reise in neue (Klang-)Welten voller Leidenschaft, Hingabe, Liebe und dem Streben nach Macht. Die musikalische Umsetzung erfolgt abseits der ausgetretenen Pfade von Turkomanie und Exotismen. Durch die kongeniale Verbindung von westlicher Barockmusik und klassischer türkischer Kunstmusik wird hier das aus dem 18. Jahrhundert bekannte Konzept des ästhetischen Schocks für ein weltoffenes Publikum von heute aufbereitet.

All diese Opern mit türkischen Motiven, Geschichten und Turquerien haben oft einen Sultan als Vorbild oder Held.

Wir möchten die Highlights aus diesen Opern zu einem neuen Programm und Konzerterlebnis gestalten. Halbszenische Bearbeitung von o.g. Werken.

Solisten werden extra angefertigte Kostüme im Serailstil tragen.

Ziel

Die Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ ist, wie wir gesehen haben schon seit dem Mittelalter ein Thema. Jedoch ist dieses dies im 21. Jahrhundert mit 3,5 Millionen türkischstämmigen Migranten in Deutschland, vielen Kriegsflüchtlingen, die Richtung Europa strömen, Clash der Kulturen, islamistischer Terror und Islamophobie aktueller denn je. Die Begeisterung in Europa für die Türken und Alla Turca kann als historisches Beispiel dienen, um eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Anstatt mit dem Zeigefinger darauf hinzuweisen, um dem Fremden mit Respekt auf Augenhöhe zu begegnen, kann Musik als universelle Sprache wesentlich wirksamer und nachhaltiger sein. Vor allem, wenn große Denker wie Goethe und Komponisten wie Mozart u.a. sich für die islamische sowie türkische Kultur interessiert haben.

Musik als Bindeglied zwischen den Jahrhunderten und den Kulturen.